Bezaubernde Literaturaufführung am HVG: „Wer versteht hier Bahnhof?“

Herzlich willkommen! Wenn Sie den Fahrplan abhören möchten, drücken Sie bitte die eins! Möchten Sie unseren Service loben, drücken Sie bitte die zwei! Wenn Sie…Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden…bitte definieren Sie Miststück!“ Diese und ähnliche alltägliche Situationen des Lebens und der Leidenschaften präsentierte der Literaturkurs der Jahrgangstufe 11 unter der Leitung von Frau Dr. Naal-Glaßer am vergangenen Montag, den 7. Mai 2018 in der prallgefüllten Aula des HVG mit viel Esprit, Tempo und Tiefgang einem begeisterten Publikum.

Die rasante Komödie „Wer versteht hier Bahnhof?“ von Thorsten Böhner lockte den jungen Darstellern, die ein ganzes Schuljahr diszipliniert und engagiert an dem Stück gearbeitet hatten, eine ganze Menge Talent und Flexibilität ab. In schnellen Szenenwechseln schlüpften die Schülerinenn und Schüler trotz ihres jugendlichen Alters erstaunlich professionell in vor-, neben- und innereheliche (Doppel)Rollen, um das Thema Liebe und Beziehungen in all ihren komischen, tragischen und berührenden Facetten auszuleuchten: „Schatz, liebst Du mich nicht mehr? Schatz, denkst Du auch manchmal über ein Baby nach? Schatz, ist Dein Schnupfen immer noch nicht besser? Schatz, wieso telefonierst Du nackt mit dem Handwerker?“

In einer sehr kurzweiligen und das Publikum für gute zwei Stunden in schmunzelnde Heiterkeit versetzende Interpretation der Klischees darüber, was Frauen und Männer von der Liebe und der Ehe erwarten und in ihr erleben, wuchsen die jungen Darsteller über sich hinaus und hatten auch den Älteren viel zu sagen, die immer wieder leise lächelnd und verstohlen zustimmend nickten. Schauplatz: Ein Bahnhof, „Zentrum und Niemandsland. Kein Typ Mensch, der hier nicht anzutreffen ist. Wo Storys erlebt werden können wie sonst nur im Theater“. Verschiedene Handlungsstränge, die sich teilweise kreuzen und dann wieder nebeneinander her- oder auseinanderlaufen. Mosaiksteine des Lebens. Mal einzeln funkelnd, dann wieder zu einer stimmigen Einheit verschmolzen.

Da sind zunächst fünf Personen, die auf dem Bahnhof sozusagen zu Hause sind, die Putzfrau Gathe (Diana Schernich) und die Stadtstreicherin Siggi (Leonie Stork), die ihrem Schicksal trotzen, auch wenn sie von der halben Welt als Passagiere unterster Klasse behandelt werden. Eine alleinerziehende Mutter (Ronja Niekamp), die sich nicht aus der Bahn werfen lässt und gefühlte zehn Jobs gleichzeitig schmeißt. Dann Nancy (Birte Ridderbusch), die Frau für gewisse Stunden, die mit ihren Kolleginnen (Jessica Simon, Milena Schulz) respektlose Typen in ihre Schranken verweist und am Ende doch noch die große romantische Liebe in dem Metzgermeister Raimund (Christopher Pook) findet. Und schließlich auch die Wachtturmfrau (Milena Rausch), die als Expertin für Sitte und Moral immer wieder aus dem Nichts auftaucht wie das schlechte Gewissen, das jeder kennt.

Wie könnte es anders sein, so finden sich hier in der Bahnhofsszenerie auch drei aus ihrem Rausch erwachende Junggesellen, nämlich Erich (Marvin Schmidt), Pit (Marvin Niehörster) und Bastian (Max Lödige): „Oh Gott, ich bin seit einer Stunde verheiratet und war nicht dabei.“ Die in ihrem bezaubernden Hochzeitskleid nach dem verlorenen Ehegatten suchende und vor Wut schäumende Braut Franka, gespielt von Pia Winkel („Wo ist mein versoffener Ehemann!“), lässt sich auch nicht von ihrer versnobten Mutter Frau Merkur, überzeugend dargestellt von Mara Radu („Kind, ein Man ist doch etwas anderes als ein Hund!)“, aufheitern. Eheliche Kommunikationsprobleme haben nicht nur der Telefonsex praktizierende Günther und seine intolerante Gattin Helga, sondern auch Frau Graute (Gianna Schenke), die Nervensäge schlechthin und Herr Graute (Fabio Palma), der seine Frau zunächst mit Humor erträgt, diese am Ende aber dann doch verlässt („Herbert, kannst Du nicht einmal etwas richtig machen?“) Und sie dürfen in einem zeitkritischen Stück natürlich auch nicht fehlen: die kaffeeverschüttende und überforderte Geschäftsfrau (Loana Schwenke), die schließlich mit burnout in der Psychotherapie landet sowie verschiedene andere Gestalten aus der Polit-Szene ohne Skrupel aber mit viel Makel.

In verschiedene Rollen schlüpfen, Positionen und Gegenpositionen austarieren, Blitzlichter auf die Welt und Bilder vom Leben spielerisch erkunden und überzeichnen, das konnten die jungen Leute in ihrer schulischen Theaterarbeit. „Ein Jahr voller konstruktiver und lehrreicher Diskussionen und Kontroversen zwischen den Genrationen, also mir und meinen Schülern, findet mit dieser Vorstellung nun seinen fulminanten Abschluss“, so Naal-Glaßer. Erleichtert aber auch wehmütig seien sie doch gewesen, als sie am Ende des Abends unter tosendem Applaus allesamt mit leuchtenden Augen auf der Bühne standen und realisierten, dass der kommende Sonntag nun für Freizeit statt für Proben zur Verfügung stand. Sich ein Bild von der Welt machen, auch das stecke im Begriff Bildung, sagt Naal-Glaßer, und diese gelinge in besonderem Maße in den ästhetischen Fächern Musik, Kunst und Theater, die leider immer wieder unter Rechtfertigungszwang leideten in einer inhuman beschleunigten und überwiegend kognitiv ausgerichteten Zeit.

Selbstgestaltetes malerisches Bühnenbild, stilistisch passende Musik und sensible Beleuchtung des Geschehens, koordiniert von den „Herrschern über Licht und Schatten“ Benjamin Spittel und Dennis Gillich machten den spritzigen Abend schließlich zu einem vollends runden und schönen Erlebnis, wie auch Schulleiter Michael Hanke betonte. Wir freuen uns auf das nächste Jahr. Vielleicht wieder mit einem Klassiker von gestern, denn auch die haben den jungen Leuten von heute und morgen viel zu erzählen.

Naal-Glaßer

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