Eine Alternative zur herkömmlichen Regelschule: Montessori-Pädagogik

Wenn eine Erziehung dem Kind Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, freies Wesen und Verantwortung für sich selbst und die Umwelt vermitteln soll, käme der Besuch eines Montessori-Kindergartens oder einer Montessori-Schule in Frage. Wesentliche Inhalte der Montessori-Pädagogik sollen hier vorgestellt werden.

1. Zur Biographie der Gründergestalt:

Maria Montessori

*31.08. 1870 (Italien), +06.05. 1952 (Niederlande)

  • Pädagogin und Ärztin
  • 1. Frau, die in Italien Medizin studierte
  • 1901: Studium der Psychologie und Philosophie
  • 1904 lehrte sie Anthropologie an der Universität in Rom
  • 1907: Leitung der von ihr gegründeten Erziehungsstätte „Casa di Bambini“ in Rom (geistig zurückgebliebene Kinder)
  • ihr Ziel war es, die Selbstständigkeit der Kinder zu fördern
  • 1909: erste Buchveröffentlichung (Titel: Selbstständige Erziehung im frühen Kindesalter)
  • ihre Erziehungsmethoden fanden internationale Beachtung und führten zur Einrichtung von Montessori-Kindergärten und –schulen auf der ganzen Welt
  • in Deutschland gibt es 188 Vereine, 327 Vorschuleinrichtungen und 158 Schulen
  • Maria Montessori wurde dreimal für den Friedens-Nobelpreis nominiert
Grundlegende pädagogische Gedanken

Grundlage der Pädagogik Maria Montessoris war die langjährige Beobachtung der Kinder und die daraus abgeleiteten Entwicklungsgesetze. Dabei tritt die Beobachtung der Kinder in ihren einzelnen Phasen in den Vordergrund.

Durch die unmittelbare Beobachtung erkennen die Kinder schon früh innere Lebensgesetze. Der Mensch nimmt in der Montessori-Pädagogik eine Sonderstellung ein, jedes Kind gilt als leib-geistiges Wesen mit eigener Individualität. Die Kinder sollen sich so zu einem freien Wesen entwickeln, unabhängig und selbstständig werden.

Durch die besondere Förderung und Anerkennung der sensiblen Phase, in der das Kind besondere Lernbereitschaft zeigt, lernt das Kind nach eigenen Bedürfnissen zu entscheiden. Das Kind lernt Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Das „Bild“ vom Kind: Achtung vor dem Kind und Erziehung unter Berücksichtigung der sensiblen Phasen

Aus den Schriften der Wissenschaftlerin Maria Montessori ist immer wieder die Liebe und die Achtung dem Kind gegenüber herauszulesen. Ihr wichtigstes Ziel war, den Kindern eine freie Entwicklung zu ermöglichen, wo sie durch die Haltung der Erziehung und der vorbereiteten Umgebung die Möglichkeit haben, ihre Anlagen, Begabungen, Talente und Persönlichkeitsmerkmale voll zu entwickeln. So sollte Erziehung nicht direkt eingreifen, sondern eine indirekte Hilfe zur Selbsterziehung sein.

Wichtig ist zudem, die Entwicklungsschritte der Kinder, die sie als Bedürfnisse in den jeweiligen „sensiblen Phasen“ zeigen, zu beachten.

Innerhalb der jeweiligen Phasen wird das Kind großes Interesse für eine Sache oder einen Gegenstand zeigen, hochmotiviert und konzentriert bei der Sache sein. Ist das Bedürfnis des Kindes befriedigt, kann es sich neuen Aufgaben zuwenden, die seinem Entwicklungsstand entsprechen.

Diese beiden Aspekte, die Achtung vor dem Kind und die Erziehung unter Berücksichtigung der sensiblen Phasen, sind die Grundsteine, die in der Praxis angewendet werden. Das Kind soll sich seinen Anlagen entsprechend entwickeln können und nicht vom Erwachsenen fremdbestimmt werden.

Die Individualität eines jeden Kindes ist sehr wichtig. Der Einzelne soll entscheiden das zu lernen, was ihn gerade interessiert, denn nicht alle Kinder müssen zur gleichen Zeit nach der gleichen Methode den gleichen Unterrichtsstoff lernen.

Dieses Eingehen auf die Persönlichkeit der einzelnen Schüler, auf ihre jeweiligen Neigungen und Interessen ist dem Montessori-Pädagogen sehr wichtig.

2. Umsetzung in die pädagogische Praxis:

Schulform: Die „Organisationsstruktur“

Maria Montessoris Grundkonzept entspricht der einer Gesamtschule. Montessori-Schulen werden insgesamt als „freie Schulen“ angesehen und werden von Elterninitiativen, Vereinen sowie auch kirchlichen Organisationen unterstützt.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Montessori-Schulen verboten, erst nach dem Kriegsende gab es erste Neugründungen. Seit den 70’er Jahren ist wiederum ein vermehrtes Interesse an der Pädagogik zu entdecken.

Die Montessori-Schulen haben sich dann Verbänden wie zum Beispiel der AMI (Association Montessori International ) angeschlossen, welche regelmäßig Zusatzausbildungen sowie Aus- und Fortbildungen für Erzieher und Lehrer anbieten.

Die einzelne Klasse: Mischung der Jahrgangsklassen

Die Einteilung der Klassen erfolgt in der Montessori Pädagogik altersgemischt. So können die Kinder verschiedener Altersgruppen voneinander lernen und sich gegenseitig helfen.

Als Kompromiss gibt es drei verschiedene Modelle:

  • Jahrgangsklassen
  • Klassen mit zwei Jahrgängen
  • Klassen mit vier Jahrgängen

So entsteht eine Lebendigkeit im Sozialen. Helfen und Sich-helfen-lassen wird zur täglichen Erfahrung und Übung zwischen Jüngeren und Älteren, Gesunden und Behinderten.

Die Rolle des Lehrers und des Erziehers

Der Klassenlehrer betreut die Kinder für zwei oder vier Jahre, welche auch oft durch einen Assistenten unterstützt werden. Der Erzieher muss kompetent sein, aber auch gleichzeitig zurücktreten können. Der Lehrer gibt dem Kind zum Beispiel eine Darbietung, wenn das Kind Interesse zeigt, muss der Lehrer zurücktreten. Wenn also das Kind aktiv wird, muss der Lehrer eine passive Haltung einnehmen, jedoch aktiv und wach in seiner Wahrnehmung sein.

Die Unterrichtsstruktur:

Freiarbeit

  • 2 – 3 Stunden
  • Schüler können selbst entscheiden was sie wann und wie lange tun
  • Die freie Wahl ist unmittelbar mit dem Erleben von Konzentration und Wiederholung verbunden
  • Lehrer müssen Grundvoraussetzungen schaffen

Sinneserziehung: Erziehung über die Sinne

Sinnesschulung schafft für Maria Montessori die Grundlage für eine „klare und kräftige Geisteshaltung“. Sie hat ihr Sinnesmaterial den „Schlüssel zur Welt“ genannt. Das Sinnesmaterial spricht die Sinne einzeln an (Tastsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn, Gehörsinn, Gewichtssinn, Gesichtssinn, Stereognostischer Sinn).

Bewegungserziehung: Bewusste Bewegungskoordination

Die Einbeziehung der Motorik ist in der Montessori-Pädagogik etwas sehr Grundlegendes. Kinder dürfen während des Unterrichts Bewegungsfreiheit haben, d.h. sie dürfen sich im Raum frei bewegen und so sitzen, wie sie wollen. Das Kind soll jedoch auch in der Bewegung eine Bewusstheit erreichen, womit gemeint ist, dass es sich „normalisieren“ soll, anstatt sich auszutoben.

Religiöse Erziehung: Die religiöse Grundhaltung der Montessori-Pädagogik

Obwohl Maria Montessori gläubige Katholikin war, bemühte sie sich trotzdem um die Universalität ihrer Lehre. Heute gibt es auf der ganzen Welt Montessori-Schulen in allen Konfessionen. Maria Montessori wollte, dass schon kleine Kinder mit den Erwachsenen zusammen an religiösen Feiern und den kirchlichen Riten teilnehmen sollten. Den Kindern wird so ermöglicht, selbstverständlich an religiösen Handlungen teilzunehmen und selbst ihre religiösen Bedürfnisse auszuleben.

3. Medien und Organisatorisches:

Das Unterrichtsmaterial: Durch „Greifen“ zum „Begreifen“

In jeder Montessori-Schule und in jedem Montessori-Kindergarten gibt es das von Maria Montessori entwickelte Unterrichtsmaterial. Maria Montessori nannte dieses Material den „Schlüssel zur Welt“.

Es gibt verschiedene Materialien (z.B. Stoffe, Versuchskisten, Bausteine, aber auch Buchstaben- oder Zahlenkarten). In der Montessori-Pädagogik gibt es klassische Materialbereiche: die Übungen des praktischen Lebens, Sinnesmaterial Sprachmaterial Mathematikmaterial und Material zur kosmischen Erziehung

Andere Lernmaterialien kommen hinzu, die zum Teil von Lehrern und Eltern gemeinsam erarbeitet worden sind. Die Materialien sind äußerlich so gestaltet, dass die für die Kinder ansprechend sind und Klarheit vermitteln.

Jedes Material ist nur einmal im Klassenraum vorhanden. Nach der Benutzung wird ein Material an den vorgesehenen Platz zurückgelegt, sodass der nächste Schüler es benutzen kann.

Beim Lernen mit dem Materialen benutzen die Kinder ihre Sinne und können gleichzeitig ihren Bewegungsdrang ausleben.

Die unterschiedlichen Materialien bauen alle aufeinander auf. Langsam aber sicher erfährt das Kind auf diese Weise immer mehr Sicherheit in der Handhabung, denn es findet in den „fortgeschrittenen“ Materialien Ähnlichkeiten zu vorhergehenden, kann also Gelerntes gleich anwenden und spürt dadurch jedes Mal einen kleinen Erfolg. Das Kind kann dann auch feststellen, ob es die Aufgabe richtig gelöst hat bzw. wie es sich verbessert hat.

Dadurch, dass das Kind eigenständig mit dem Material arbeitet, kann es die Gesetzmäßigkeiten und Regeln eines jeden Materials selbst erleben.

Der Lehrer spielt beim Gebrauch des Materials eine untergeordnete Rolle. Er erklärt zwar das Material, bedient sich dabei aber weniger seiner Sprache, sondern führt den Kindern die Handhabung des Materials eher vor.

„Schlüssel zur Welt“ heißen die Materialien also deshalb, weil die Schüler in einem selbstständigen Lernprozess Gesetzmäßigkeiten der Welt erfahren.

Medien: Neue Technologien und Montessori-Pädagogik

Da es zu Zeiten von Maria Montessori noch keine neuen Medien wie Fernsehen, Video, Computer oder diverse Audiogeräte gab, finden sich von ihr natürlich keine Äußerungen zum Gebrauch dieser Technologien. Da ein Leben ohne Medien im heutigen Alltag allerdings fast undenkbar geworden ist, gibt es seit 1985 Maßnahmen zur Einführung einer informationstechnischen Grundbildung, die den Schülern Umgang mit Medien und Technik vermitteln soll.

Peter Gebhardt-Seele war eine Montessori-Pädagoge, der für den sinnvollen Einsatz neuer Medien, insbesondere des Computers an Montessori-Schulen plädierte. Nach ihm interessieren sich Kinder im Grundschulalter zweifellos für technische Medien, und dieses Interesse sollte man respektieren.

Da der Umgang mit dem Computer heutzutage selbstverständlich ist, sollten die Kinder diesen möglichst früh erlernen. Im Sinne der Montessori-Pädagogik ist es auch hier möglich, das Kind selbstständig lernen zu lassen, denn es kann im Umgang mit dem Computer Regeln erkennen, Inhalte entdecken und Strategien entwickeln sowie diese anwenden. Hilfreich ist, dass ein Computer nach einer klaren Logik funktioniert und man ihn deshalb wie ein Unterrichtsmaterial behandeln kann.

Abgesehen vom Computer verfügen die meisten Montessori-Grundschulen auch über Audiogeräte und Videorekorder.

Manche Schulen geben auch Empfehlungen zum Fernsehkonsum der Kinder oder schränken die Freiarbeit am Computer ein.

Eines ist klar: technische Medien können den Lehrer niemals ersetzen.

Aufnahmekriterien, Lehrpläne, Beurteilungen und der Übertritt auf weiterführende Schulen: Lehrpläne, Zeugnisse und Pensenbücher

Bei der Aufnahme bei einer Montessori-Einrichtung gibt es keine direkte Aufnahmeprüfung, meist aber eine Art vorbereitenden Unterricht, Spiel- oder Probeunterricht genannt. Natürlich wäre es für das Kind vorteilhafter, ein Montessori-Kindergarten vorher besucht zu haben, bevor es auf eine Montessori-Schule geht.

Zeugnisbeurteilungen sind nach Maria Montessori überflüssig und widersprechen ihrem pädagogischem Prinzip von der Achtung vor der Individualität des Kindes. Noten beziehen sich immer nur auf das Niveau einer bestimmten Klasse; so kann z.B. ein mittelmäßiger Schüler in einer anderen Klasse zu den besten gehören.

Trotzdem ist eine Leistungsbeurteilung nötig, denn auch Kinder wünschen sich diese Form von Anerkennung. Maria Montessori ist nicht gegen „Leistung“ – es darf nur kein Druck ausgeübt werden. Kinder sollen durch ihre Motivation von sich aus tätig sein ohne Fremdsteuerung eines Lehrers. Noten, Tadel oder übermäßiges Lob wirken pädagogisch eher negativ und die Korrektur des Lehrers ist nicht so wichtig wie die individuelle Fehlerkontrolle, die der Montessori-Schüler am Material erfährt. Nur die individuelle Zufriedenheit und der Lernerfolg sind ausschlaggebend.

Doch da es bei uns keine Montessori-Schulen gibt, die in ganz freier Trägerschaft verwaltet und finanziert werden, müssen in der Praxis eine Reihe von Kompromissen geschlossen werden, so z.B. die Anerkennung der staatlichen Lehrpläne und Zeugnisse meist in Form von Pensenbüchern.

Das Pensenbuch dient dem Kind für einen Überblick über den Lernstoff und ist eine individuelle Form der Leistungsbeurteilung. Da es kaum weiterführende Montessori-Schulen gibt, meist Grund- und Hauptschulen, arbeiten sie nach den staatlichen Lehrplänen. Viele Montessori-Schüler treten nach der Grundschulzeit auf eine Realschule oder ein Gymnasium über, wo meist eine Aufnahmeprüfung abzulegen ist.

In das Pensenbuch, das für jeden Schüler geführt wird, trägt der Lehrer die individuellen Leistungsfortschritte ein. Es beginnt mit dem Verhaltensbogen, der Aufschluss über die Verhaltensweise und das Sozialverhalten des Schülers gibt. Besonders in Deutsch und Mathe wird der Unterrichtsstoff in viele kleine Schritte zerlegt. Für den übrigen Fachunterricht gibt es Wortgutachten.

Nicht nur Eltern und Lehrer können durch das Führen des Pensenbuches den Leistungsstand des Kindes ablesen, auch die Kinder lernen das Pensenbuch kennen und können ihr Lernverhalten danach richten.

Interessante Links:

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