Freitag-Kino: Sophie Scholl – Die letzten Tage

FR-21-OKT-2005, 20.30 UHR im Bürgerhaus

Sophie Scholl – Die letzten Tage

Deutschland 2004, Regie: Marc Rothemund; Darsteller: Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Alexander Held, Johanna Gastdorf, André Hennicke, Florian Stetter, Johannes Suhm, Maximilian Brückner, Jörg Hube u. a.; 116 Min., FSK: ab 12 J.

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Insiderinfos

Auf der Berlinale mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnet kommt nun, zwei Tage vor dem zweiundsechzigsten Jahrestag von Sophie Scholls Hinrichtung, dieses bedrückende und emotional eindringliche Plädoyer für Zivilcourage in die Kinos, in dem die studentische Widerstandskämpferin zur modernen Heldin stilisiert wird.

Der Titel des Films spricht für sich. Im Zentrum steht die Perspektive der 21-jährigen Studentin Sophie Scholl und ihre letzten sechs Tage (17.-22. Februar 1943). Anders als Verhoevens Die Weiße Rose (1982), der die gesamte Widerstandsgruppe thematisierte, und anders als Adlons Fünf letzte Tage (1982), der ein distanziertes Porträt Sophie Scholls aus der Perspektive ihrer Zellengenossin zeichnete.

Regisseur Marc Rothemund konzentriert sich in Sophie Scholl – Die letzten Tage auf die letzte Flugblattaktion der Weißen Rose, auf die Verhaftung der Geschwister Scholl in München, auf die Untersuchungshaft und Sophies Vernehmung durch die Gestapo, bis zum abschließenden Nazischauprozess und der Hinrichtung.

Gespielt wird Sophie Scholl von Julia Jentsch, die für ihre schauspielerische Leistung in diesem Film auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Ihre intensive, klare Darstellung der Sophie Scholl von der lebenslustigen Studentin zu einer gefassten jungen Frau, deren Idealismus und Zivilcourage ans Märtyrerische reicht, fasziniert von Anfang an und hinterlässt ein aufgewühltes Publikum.

Was aber genau wird eigentlich durch den zweiten Silbernen Bären geehrt, mit dem der gesamte Film ausgezeichnet wurde? Die Frage lautet: wie wird uns heute die Geschichte der Studentin Sophie Scholl erzählt, die sich daran beteiligte, Flugblätter herzustellen und zu verteilen, die dazu aufriefen den Krieg mangels Erfolgsaussichten zu beenden? Und vor allem: Warum scheint dieser Film einen Nerv zu treffen?

Das Wie lässt sich beschreiben: Die Handlung spielt hauptsächlich in Innenräumen und ist als Kammerspiel mehr durch die Dialoge bestimmt als durch visuelle Vielfalt. Die Ausstattung ist allgemein historisch, steht aber nicht überbordend im Vordergrund.

Überzeugendstes Kernstück der Dramaturgie ist die Vernehmung Sophie Scholls durch den Gestapo-Beamten Hans Mohr (Alexander Held). Im einfachen Schuss/Gegenschuss Verfahren wird ein eindringliches Psychoduell inszeniert, zwischen der unbeirrbaren Studentin in Strickjacke und Rock und dem cleveren und unerbittlichen Beamten mit Parteiabzeichen. Er versucht sie in die Enge zu treiben. Sie antwortet ruhig, in klaren Sätzen und kann den Beamten zunächst sogar von ihrer Unschuld überzeugen. Später, nachdem Sophie Scholl gestanden hat und im Film unnötiger Weise ausgelassen wird, dass sie mehrere Namen der Widerstandsgruppe offenbart hat, wird der Disput zwischen freiheitlicher und totalitärer Weltanschauung noch weiter auf moralischer Ebene ausgetragen. Auch hier kann Sophie Scholl den Beamten Mohr beeindrucken, der anfängt Sympathie für die Widerstandskämpferin zu zeigen und ihr zur Rettung ihres Lebens einen Deal anbietet, den sie aber standhaft ablehnt.

Angesichts einer solch soliden moralischen Überzeugung kann der Gestapo-Mann seine Zweifel nicht verhehlen. Genau wie der Film auch allen weiteren Statisten, die mit der Verhaftung und Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose zu tun hatten, eingesteht, Zweifel gehabt und nicht anders gekonnt zu haben. Denn fast ein jeder scheint Sophie Scholl mit mitfühlenden Blicken auf ihrem unvermeidlichen Weg zur Guillotine zu begleiten. Das Böse des totalitären NS-Staates wird abstrakt. Selbst der surreal geifernde Nazi-Richter Freisler bekommt einen milden, zweifelnden Zug am Ende seines Schauprozesses, aus dem er im moralischen Sinne als Verlierer hervor geht.

Der Film zeigt auf diese Weise Sophie Scholls Zivilcourage als unerbittlichen Kampf gegen die abstrakten Mühlen des NS-Staates und verklärt somit die Heldin zu einer modernen Märtyrerin. Zum Zeitpunkt des definitiv letzten Augenschlags von Sophie Scholl befindet sich der Zuschauer auf Augenhöhe mit ihr unter dem Fallbeil des Widerstandes und darf sich fragen, wie er selbst gehandelt hätte. Voller Ehrfurcht sehen wir uns im Angesicht der unerreichbaren, fast religiösen Sophie. Helden, denen man nur mit Ehrfurcht begegnen kann, sind im Kino ein Problem, denn zur Identifikation dienen sie nicht. Mit einer solch plakativen Emotionalität nehmen Drehbuch und Regie dem Zuschauer jede Möglichkeit der Differenzierung und des individuellen „Hinterfragens“ und jede Mühe der (Selbst-)Erkenntnis ab. Einen solch manipulativen Kloß im Hals muss man erst einmal schlucken. Danach kann man überlegen, ob der zweite Silberne Bär wirklich dem Film als Kunstwerk gilt, oder eher als Resultat der Demut vor und als verunglückte Ehrung der Person Sophie Scholl gedeutet werden müsste, oder gar eine Drehbuchauszeichung ist für die schulfunktaugliche, wie populärkulturelle Interpretation der bis 1989/90 im DDR-Archiv schlummernden, historischen Verhörprotokolle. Vielleicht aber preisen wir uns auch nur selbst, weil wir uns einig sein dürfen und ein jeder von uns bis in die letzte Schulbank voll seliger Betroffenheit die Botschaft nach Zivilcourage, Menschenwürde und Gerechtigkeit verstanden hat.

Kritik von Tillmann Allmer

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