Grandiose Literaturaufführung der Canterville-Story

Am 17. Juni 2014 um 19.30 Uhr war es soweit, der „Termin“ war gekommen: Die lange Arbeit an Oskar Wildes Geschichte des Sir Simon, der in einem unbeherrschten Moment der Eifersucht seine über alles geliebte Eleonore ermordet und für dieses Verbrechen mit einem elenden Fluch belegt wird, fand vor einer voll gefüllten Aula ihren fulminanten Höhepunkt und Abschluss.
Mit viel „Witz, Charme und Authentizität“ (so die Lippische Landeszeitung) gestalteten die SchülerInnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 unter der Leitung von Jasmin Naal-Glaßer das „Gespenst von Canterville“ von Oscar Wilde und ernteten dafür begeisterten Applaus. Ganz außerordentlich hervorzuheben ist das höchst leidenschaftliche und hochsensible Spiel von Felix Kavak, der den doppelbödigen Charakter des Sir Simon überzeugend interpretiert hat.

Theater01In der Verbindung von Dramatik und Comedy meisterte der gesamte 30-köpfige Literaturkurs in einer sehr disziplinierten einjährigen Theaterarbeit die anspruchsvolle Aufgabe bis zuletzt und bis ins kleinste Detail: Es gelang das Sich-Hinein-Versetzen in den historischen Habitus (Maximilian Pook als der intrigante Sie Geoffrey, Pia Pöhlker als bezaubernde Lady Eleonore, Emmanuel Kopp und Dennis Wittmann als Gerechtigkeit einfordernde Diener, Pinar Erdem als schauriger Kindgeist im blutigen Kleid und Fabienne Tölle als männerverschlingende Queen).

Weiterhin überzeugte das komisch-klischeebesetzte Auftreten der amerikanischen Familie mit dem trockenen Humor des Wissenschaftlers Mr. Otis (Dennis Voß), seiner liebevoll besorgten Ehefrau Mrs. Otis (Jana Reuter), den keine Gnade kennenden Rotzbengeln Willie (Marie Bökamp) und John (Jan-Philipp Töberg), sowie der charakter- und willensstarken Virginia (anrührend gespielt von Juliana Sommerer), die ihrer Pflegerin (Jaqueline Watermann) vor dem Grab des Simon die denkwürdige Geschichte erzählt. Einen Hauch von witzig-altbackenem Charme brachten Ellie (Marie Lödige) und Benson (Jan Schwarze) zum Ausdruck, die zusammen mit Lord Canterville (Niclas Muss) und dem adeligen George de Malvosin (Pascal Werdehausen sehr elegant in Hemd und Cordhose!) die Verbindung von der Gegenwart in die Vergangenheit konstituierten. Auch die selbstgeschriebenen „Nebenhandlungen“ der zickig-arroganten Lady Destard (Nicole Noak), die entgegen des Ratschlages ihrer korrekten Freundin Lisa (Dana Heistermann) eine Einheiratung ihrer Tochter Julia (herrlich naiv-dümmlich und mit glitzernder Zahnspange gespielt von Isra Zayed) in vermeintlich finanzstarken Adel plant sowie die Drogenstory von Sky (Kai Biskup) und Kiwi (Vivien Tax) gelang dem Schülerteam außerordentlich gut.Theater02

Vom blutigen Mord über Schwertkämpfe, Liebesschwüre und Geschwisterstreit bis zu saftigen erotischen Anspielungen, die die Jüngeren zum Kreischen und die Älteren zum Schmunzeln brachten, war also alles vertreten und verschaffte dem in der stickigen Aulaluft bis halb elf ausharrenden Zuschauermassen trotzdem einen unterhaltsamen Abend, der mit viel Lob aufgenommen wurde.

Das prächtige Bühnenbild wurde zuverlässig von dem Organisationsteam verwaltet und wöchentlich an Ort und Stelle gebracht bzw. geschleppt, was auch den sportlich-konditionsbezogenen und handwerklichen Aspekt der Theaterarbeit freilegte (Christiana Wehrmann, Sophia Möbius, Kim Krull, Zeliha Puls, Stella Böhling, Johanna Tielker und Jessica Beuchler). Und schließlich hätte alles im Dunkeln gestanden ohne unsere beiden Licht- und Tontechniker Jonah Bracht und Nils Overkamp, die Herren über Licht und Schatten, die uns manchmal zur Weißglut brachten (etwa wenn der Schatten in der Sky-Kiwi-Knutsch-Szene nicht rechtzeitig kam).

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Ja, sogar einige „Sonderbeauftragte“ hatten wir: die Skelettbeauftragte Johanna, den Ventilator- und Nebel-Beauftragten Dennis Voß sowie den Döner-Beauftragten Jonah. Jeder hatte seine besonderen Aufgaben, war ein unverzichtbares Puzzleteil im Ganzen und ein notwendiges Zahnrädchen im funktionierenden Gesamtgetriebe.

Die Rollen waren den jungen Schauspielern offenbar auf den Leib geschrieben, dass sie sich eigentlich alle selbst gespielt hätten, wurde gewitzelt. Glücklich und erschöpft waren wir alle und alles ist gut ausgegangen: Niemand hat sich bei den Stürzen einen Arm oder ein Bein gebrochen, die Schule ist nicht abgebrannt durch unseren Vielstromeinsatz, der Schlüssel ist immer wieder bei mir angekommen und alle sind über sich hinaus gewachsen. Kim Krull formuliert, stellvertretend für die anderen, dass „man mit Organisation, Engagement und viel Zusammenhalt und Kommunikation innerhalb des Kurses auch Großes schaffen kann, was im Nachhinein den ganzen Aufwand, der hineingesteckt wurde, belohnt. Wow.

J. Naal-Glaßer